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Boehringer-Ingelheim-Preis 2026
Dr. Julian Wagner erhält den Hauptpreis für seine Forschung zur Herzalterung
Im Rahmen der feierlichen Verleihung des Boehringer-Ingelheim-Preises am
30. Juni 2026 zeichnete die Boehringer Ingelheim Stiftung Dr. Julian Wagner
von der Goethe-Universität Frankfurt am Main mit dem Hauptpreis aus.
Neben einem persönlichen Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro erhielt Dr. Wagner eine Projektförderung über 55.000 Euro, um ein innovatives Forschungsvorhaben zu realisieren und sein wissenschaftliches Profil weiter zu schärfen.
Unter dem Motto „Connecting Science and People“ brachte die Veranstaltung Forschende und interessierte Gäste aus der gesamten Rhein-Main-Region auf dem Boehringer Ingelheim Campus zusammen. Neben der Würdigung der herausragenden Leistungen der Finalistin und Finalisten bot sie Gelegenheit zum wissenschaftlichen Austausch und zur Vernetzung. Musikalisch begleitet wurde der Abend vom Kleiner, Meisenzahl & Höhn Jazzgroove Trio. Durch das Programm führte Desiree Hoving.
(von links nach rechts): Prof. em. Dr. Peter B. Becker (Komm. Vorsitzender des Auswahlgremiums), Dr. Julian Wagner, Christoph Boehringer (Vorsitzender des Vorstandes der Boehringer Ingelheim Stiftung). Bild: Boehringer Ingelheim
Drei Finalisten - drei herausragende Forschungsprofile
Die drei Finalisten des Boehringer-Ingelheim-Preises 2026 stehen exemplarisch für unterschiedliche Wege erfolgreicher biomedizinischer Forschung:
Dr. Taniya Chakraborty verbindet Biologie, Chemie und Physik, um grundlegende Fragen der Synthetischen Biologie zu erforschen und neue Ansätze für künstliche zelluläre Systeme zu entwickeln.
Josef Shin, MD PhD, bringt als Clinician Scientist Fragestellungen aus der Neurologie – insbesondere zur Multiplen Sklerose – unmittelbar in die experimentelle Grundlagenforschung ein und schlägt damit eine Brücke zwischen Patientenversorgung und Labor.
Dr. Julian Wagner erforscht die molekularen Grundlagen der Herzalterung und entwickelt neue Ansätze, um altersbedingte Veränderungen im Herz-Kreislauf-System besser zu verstehen.
Alle drei zeichnen sich durch wissenschaftliche Exzellenz, Originalität und ein außergewöhnliches Zukunftspotenzial aus. Weitere Informationen zur Finalistin und den Finalisten des Boehringer-Ingelheim-Preises 2026 finden Sie in der entsprechenden Pressemitteilung.
Keynote: RNA Design für synthetische Zellen
Nach den Vorträgen der Finalistin und der Finalisten hielt Professor Dr. Kerstin Göpfrich die Keynote „RNA Design: Strukturen für synthetische Zellen“. Sie ist Professorin für Biophysical Engineering of Life am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg (ZMBH).
In ihrem Vortrag zeigte sie, wie sich RNA-Moleküle gezielt so gestalten lassen, dass sie als Bausteine für künstliche, zellähnliche Systeme dienen können. Langfristig könnten solche Ansätze dazu beitragen, vereinfachte Modelle künstlicher Zellen im Labor zu entwickeln. Dies eröffnet neue Perspektiven für die lebenswissenschaftliche Grundlagenforschung ebenso wie für potenzielle Anwendungen in der Medizin.. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, grundlegende Fragen darüber zu beantworten, was eine minimale lebensfähige Zelle ausmacht.
Hauptpreis für Dr. Julian Wagner
Im Anschluss an die Vorträge gab das unabhängige Auswahlgremium seine Entscheidung bekannt und zeichnete Dr. Julian Wagner mit dem Hauptpreis des Boehringer-Ingelheim-Preises 2026 aus.
Den Ausschlag für die Entscheidung gab die besondere Geschlossenheit seines wissenschaftlichen Profils. Seine bisherigen Arbeiten verbinden herausragende persönliche Forschungsleistungen mit einer exzellenten Publikationsbilanz und einer überzeugenden wissenschaftlichen Vision.
In seiner prämierten Publikation identifizierte Dr. Wagner das Protein ZBTB16 als einen zentralen molekularen Schutzfaktor gegen die Alterung des Herzens. Damit beschrieb er einen bislang unbekannten Mechanismus, der neue Perspektiven für die Behandlung altersbedingter Herz-Kreislauf-Erkrankungen eröffnet.
Mit den nun ausgezeichneten Forschungsmitteln wird Dr. Wagner diese Arbeiten weiterführen. Sein Forschungsprojekt untersucht das Zusammenspiel von Alterungsprozessen, der Regulation durch das Nervensystem und der Funktion der Herzvorhöfe – ein bislang wenig verstandener Bereich mit hoher klinischer Relevanz, insbesondere für die Entstehung von Vorhofflimmern. Hierfür kombiniert er modernste Zellmodelle auf Basis induzierter pluripotenter Stammzellen, Tiermodelle sowie Daten aus menschlichem Gewebe zu einem integrativen Forschungsansatz.
Das Auswahlgremium würdigte insbesondere die wissenschaftliche Tiefe, die methodische Breite und das hohe Innovationspotenzial des Projekts. Die Arbeiten eröffnen neue Perspektiven für das Verständnis der Herzalterung und könnten langfristig den Weg zu neuen therapeutischen Strategien ebnen.
Originalpublikation: Stilz KA, Leonard VE, Rodriguez Morales D, Glaser S, Larcher V, Ruz Jurado M, Malacarne PF, Manickam N, Tombor LS, Abplanalp WT, Panthel J, Kujundzic H, Fischer A, Schmitz K, Mueller OJ, Hille S, Kupatt C, Bozoglu T, Sami H, Ogris M, Procida-Kowalski T, Bartkuhn M, John D, Yekelchyk M, Schmachtel T, Rieger MA, Pham M, Krishnan JA, Guenther S, Brandes RP, Braun T, Zeiher AZ, Wagner JUG#, Dimmeler S#. Endothelial ZBTB16: a molecular shield against cardiac aging. European Heart Journal 2026, ehaf1063. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf1063.
Die Finalistinnen und Finalisten
Bild: Boehringer Ingelheim
Taniya Chakraborty - Zellskelette aus RNA-Origami für künstliche Zellen
Dr. Taniya Chakraborty leitet seit März 2025 eine Juniorforschungsgruppe im Fachbereich Biochemie, Chemie und Pharmazie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie erhält den Finalistenpreis für ihre Arbeit in der sogenannten bottom-up Synthetischen Biologie. In ihrer Arbeit als Postdoktorandin nutzte sie RNA-Origami - also die gezielte Faltung von RNA-Molekülen mit definierter Sequenz -, um Strukturen zu erzeugen, die als Bausteine eines künstlichen Zellskeletts in synthetischen Zellen dienen können. Dazu schleuste sie im Reagenzgefäß einzelne DNA-Moleküle in membranumschlossene Lipidvesikel ein, zusammen mit einer minimalen Proteinmaschinerie für die Transkription, d.h. für die Übersetzung der DNA in RNA. Je nach DNA-Sequenz formten die RNA-Moleküle in den Giant Unilamellar Vesicles (GUVs) während ihrer Transkription gerade oder gebogene RNA-Origami-Filamente sowie ringförmige Strukturen. Ihre Arbeit zeigt, dass RNA-Origami eine leistungsfähige Technologie ist, um komplexe Zellbausteine nachzubilden - ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer vollständig autonomen synthetischen Zelle.
Originalpublikation: Tran, M. P.*, Chakraborty, T.*, Poppleton, E., Monari, L., Illig, M., Giessler, F., Göpfrich, K. Genetic encoding and expression of RNA origami cytoskeletons in synthetic cells. Nature Nanotechnology 2025, 20: 664–671.
Bild: Boehringer Ingelheim
Josef Shin - Durch B-Zellen verursachte Nervenzellschäden und deren Umkehrung bei Multipler Sklerose
Josef Shin, MD PhD, ist Assistenzarzt und Neurowissenschaftler in der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Mainz. In seiner Forschung untersucht er das Zusammenspiel zwischen Zellen des Immunsystems und Nervenzellen, um zu verstehen, wie Autoimmunerkrankungen des Nervensystems - wie Multiple Sklerose (MS) - entstehen und behandelt werden können. Josef Shin entdeckte einen direkten Zusammenhang zwischen der bei MS-Patientinnen und -Patienten typischen chronischen Aktivierung von B-Lymphozyten des Immunsystems und der Schädigung von Nervenzellen. Chronisch aktivierte B-Zellen setzen ein Signalmolekül frei (Lymphotoxin-alpha, LTα). LTα setzt eine Wirkungskette in Gang, die zunächst die Reizweiterleitung von Nervenzellen stört und schließlich deren Absterben verursacht. Blockierte Josef Shin diese LTα-induzierte Signalkette mit einem bekannten Inhibitor des Proteins BTK, erholten sich die Nervenzellen wieder. Der eingesetzte BTK-Inhibitor ist bereits bekannt für seine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf von MS-Patienteninnen und -Patienten. Josef Shins Arbeiten liefern einen wahrscheinlichen Erklärungsansatz für diesen Effekt und eröffnen neue therapeutische Ansätze, um Nervenzellen zu schützen und MS gezielter zu behandeln.
Originalpublikation: Shin J*, Götz P*, Sharif N, Sola-Sevilla N, Grasmuck C, Schraad M, Pape K, Muthuraman M, Fleischer V, Zandee SE, Bittner S, Vogelaar CF, Prat A, Hanuscheck N, Zipp F. Bruton’s tyrosine kinase inhibitors rescue neuronal impairment caused by B cell–mediated lymphotoxin-α release. Science Translational Medicine 2025, 17(822). doi: 10.1126/scitranslmed.adx2652.